Amerikanische Faulbrut: Wenn fehlende Vorschriften zum Bienentod führen

Stellt ein Amtstierarzt die Bienenseuche Amerikanische Faulbrut in einem Bienenvolk fest, kann er anordnen, dass das Volk abgetötet werden muss. Er hätte auch die Option, die Bienen zu retten und die Sanierung zu fordern. In Berlin gibt es bislang keine eindeutigen Vorschriften für den Seuchenfall. Das wird immer mehr zum Problem. Imker fordern per Online-Petition nun eine stadtweite Strategie.

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Berlin hat ein ernsthaftes Problem mit der Amerikanischen Faulbrut. Allein im Jahr 2018 wurde fünf Fälle amtlich registriert, in denen es zum Ausbruch kam und Sperrbezirke ausgerufen wurden. Schon seit einigen Jahren breitet sich die Tierseuche in der Stadt aus und mit der zunehmenden Anzahl der Imker bzw. Bienenvölkern, deren Flugradien sich oftmals kreuzen, kann es theoretisch schneller zu einer Übertragung kommen. „Theoretisch“ deshalb, weil man dies natürlich erst nach einer Untersuchung sagen kann. Ist die Bienenseuche ausgebrochen bzw. hat der zuständige Amtstierarzt die Diagnose gestellt, sieht die bundesweit geltende Bienenseuchenverordnung vor, dass die Bienenvölker entweder saniert werden können oder abgetötet werden müssen. Wann welche Option genau greift und vor allem, wie die Bekämpfung genau abzulaufen hat, legen die Bundesländer in sogenannten jeweils eigenen Ausführungsgesetzen zum Tiergesundheitsgesetz fest. Außer Berlin. Denn die Hauptstadt hat bislang keine eigenes Ausführungsgesetz und an welches Vorgehen sich die Veterinäre der Bezirke halten müssen, wird derzeit sehr unterschiedlich ausgelegt.

 

Fraglich, warum in Berlin Regelungen aus NRW gelten

 

Erschreckende Folgen hatte dies Anfang Dezember 2018 in Pankow. Hier musste ein Imker nachweislich acht gesunde Bienenvölker abtöten, weil zwei Völker am selben Bienenstand Sporen der Amerikanischen Faulbrut aufwiesen. Das ordnetet der zuständige Amtstierarzt an und setze seinen Beschluss auch gerichtlich per Eilverfahren durch. Der Veterinär berief sich dabei auf die Ausführungsbestimmungen in Nordrhein-Westfalen, wo verschärfte Regelungen gelten, die das Abtöten fordern. Der betreffende Imker, Robert Gummi, wehrte sich gegen das Abtöten der gesunden Völker vor dem Berliner Oberverwaltungsgericht, doch er hatte keinen Erfolg. Die gesunden Bienenvölker mussten sterben, der Imker musste sie selbst ausschwefeln. „Wenn Berlin kein eigenes Ausführungsgesetz hat, müsste doch eigentlich die Bienenseuchenverordnung herangezogen werden“, sagt Robert Gummi dazu, der nicht versteht, wie sich ein Berliner Amtstierarzt einfach auf Gesetzes aus einem vergleichsweise weit entfernten Bundesland berufen kann. „Wenn überhaupt, hätte man die Bestimmungen aus Brandenburg hinzuziehen müssen, denn immerhin ist das Brandenburgische Landwirtschaftsministerium per Staatsvertrag für gewisse landwirtschaftliche Belange in Berlin mit zuständig“, erklärt er. In Brandenburg wird dabei klar unterschieden zwischen "erkrankten Völkern", die einen Labornachweis und auch klinische Symptome der Amerikanischen Faulbrut aufweisen, "verdächtigen Völkern“, bei denen man zwar Sporen gefunden hat, aber keine klinischen Symptome und "ansteckungsvedächtigen Völkern", die Kontakt zu erkrankten Völkern hatten, aber dennoch selber keine Symptome aufweisen. Durch diese Unterscheidung kann dann auch besser über eine mögliche Sanierung entschieden werden.

 

Zwar ist der Fall gerichtlich noch nicht geklärt, da bislang lediglich über Eilanträge entschieden wurde und nicht in der Hauptsache. So hat sich auch der Berliner Imkerverband eingeschaltet und eine Stellungnahme zur Sache formuliert. Nun sind die Richter am Zug. In der Praxis geht der Fall aber bereits jetzt weiter und zeigt hier, welche Folgen es haben kann, dass Berlin noch immer kein stadtweites Konzept zur Bekämpfung der Bienenseuche beschlossen hat bzw. es kein eigenes Ausführungsgesetz, an das sich alle Veterinäre halten müssen. So musste Robert Gummi die Bienenvölker an allen seinen Bienenständen untersuchen lassen. Sie waren über vier Bezirke verteilt. An einem Bienenstand wurden in einem weiteren Volk Sporen gefunden. Obwohl auch hier keine klinischen Krankheitszeichen der Bienenseuche sichtbar waren, musste es getötet werden.

 

Das anschließende Desinfizieren der Beuten sollte der Imker das eine Mal per Abkratzen der Wabenreste und Abflammen erledigen. Im anderen Fall kam das für den Amtstierarzt nicht in Frage. Zwar waren sich die zuständigen Amtstierärzte einig, dass eine Sanierung der Völker nicht in Frage kommt, doch legten sie unterschiedliche Verfahren fest, wie mit den Bienenständen umzugehen sei. Zudem verlangte der eine, dass Robert Gummi die entnommenen Waben und toten Bienen gemeinsam mit ihm in Müllsäcke verpackt. Der Amtstierarzt selbst übernahm das Verbringen zur Müllverbrennung. Im zweiten Fall musste der Imker dies in Eigenregie erledigen und musste dann lediglich den Beleg der BSR vorweisen.

 

Imkerverein startet Online-Petition

 

Die Tatsache, dass es zu diesen Fällen des amtstierärztlich verordneten Abtötens von gesunden Bienenvölker gekommen ist und im direkten Umkreis dagegen nicht einmal eine Untersuchung der Völker stattgefunden hat und dass sich in der Praxis dann die Probleme des Fehlens einer einheitlichen Durchführungsbestimmung gezeigt haben, hat den Imkerverein Reinickendorf, dessen Mitglied Robert Gummi ist, dazu gebracht, eine Online-Petition zu starten. Das Ziel: auf die Missstände aufmerksam zu machen und gleichzeitig zu erreichen, dass die zuständigen Behörden dafür sorgen, dass ein berlinweites Bekämpfungskonzept – eben dieses Ausführungsgesetz – endlich erarbeitet wird und dass dabei die Möglichkeiten der Sanierung von erkrankten Bienenvölkern im Vordergrund steht. Zwar wäre eine Sanierung im Dezember nicht möglich gewesen, da Kunstschwärme jetzt nicht überleben würden, dennoch sollte diese grundsätzliche Option nicht missachtet werden. „Immerhin sieht die Bienenseuchenverordnung diese Option auch vor und in der Praxis hat es sich auch schon gezeigt, dass man damit große Erfolge haben kann“, berichtet Melanie von Orlow, die Vorsitzende des Imkervereins Reinickendorf. Sie bezieht sich dabei auf das Bieneninstitut in Celle, das die Sanierung mit dem Kunstschwarmverfahren bevorzugt anwendet. Vielerorts sei sie deshalb Standard. Was die Tatsache, dass im Dezember in Berlin mehrere gesunde Bienenvölker sterben mussten, noch weiter ad absurdum führt: Bei den Temperaturen von nur wenigen Grad über Null findet gar kein Bienenflug statt und es bestand keine Möglichkeit der Übertragung der Bienenseuche. Robert Gummi hat sich direkt im Bieneninstitut in Celle erkundigt, ob eine spätere Sanierung in seinem Fall möglich gewesen wäre. Die Antwort: Man hätte bis März warten können.

 

Damit es nicht wieder zu einem derart „willkürlichen Vorgehen“ – wie es Melanie von Orlow nennt – einzelner Veterinäre kommen kann, gehört zu den Forderungen im Rahmen der Petition außerdem ein neu aufgelegtes freiwilliges Faulbrut-Monitoring für alle Berliner Imker, so dass alle die kostenlose Möglichkeit der Frühdiagnostik mittels sogenannter Futterkranzproben haben. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass zuvor das Vorgehen für einen Seuchenfall eindeutig geklärt ist und die Imker dabei Unterstützung bekommen. „Wer nimmt daran noch teil wenn die Tiere dann abgetötet werden?“, stellt von Orlow in Zweifel. Die Notwendigkeit eines Monitorings, der Unterstützung bei der Früherkennung und möglichen Sanierung bietet, stellt dennoch auch der Berliner Imkerverband in einer Stellungnahme zum Thema heraus. So soll die Amerikanische Faulbrut früh erkannt und schnell behandelt werden, ohne das ein Imker befürchten muss, dass ganze Bienenvölker sofort abgetötet werden. Die essentielle Voraussetzung laut Imkerverband: „eine vertrauensvolle und sachgerechte Zusammenarbeit zwischen Imkern und Amtstierärzten“. Doch diese muss nun erst einmal erarbeitet werden.

 

Zwar gibt es in manchen Imkervereinen auch jetzt die Möglichkeit zu kostenlosen Futterkranzproben. „Aber welche Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen werden, ist nicht einheitlich geklärt“, erklärt Melanie von Orlow, die erwähnt, dass es für ganz Berlin etwa 50 kostenlose Proben seien. Genau das kann aber zum Problem werden, wenn sich nur einzelne daran beteiligen und wenn genau diese Beteiligung dann dazu führt, dass Bienen sterben müssen. Der Befall der beiden Bienenvölker in Pankow war durch die freiwillige Futterkranzprobe aufgefallen, die Robert Gummi eingereicht hatte. Die Imkervereinsvorsitzende ist sich sicher, dass es in Berlin derzeit immer wieder zu Erkrankungsfällen der Amerikanischen Faulbrut kommt, die nie bekannt werden und bei denen die Imker im Alleingang handeln. „Ungefähr drei bis vier Fälle der Amerikanischen Faulbrut werden jedes Jahr bekannt, aber ich bin sicher, dass die Dunkelziffer um einiges höher liegt“, so von Orlow. Diese offizielle Durchschnittszahl bestätigt auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das für Tierseuchen und auch für entsprechende Entschädigungen für die Tierhalter zuständig ist. Die Anzahl der Entschädigungsanträge schwankt laut Lageso dabei seit Jahren: Waren es bislang für das Jahr 2018 drei Fälle, lag die Zahl im Jahr 2017 bei einem Fall und im Jahr 2016 bei zwei. Entschädigungen bekommen Imker, wenn Bienenvölker abgetötet werden müssen und der zuständige Amtstierarzt das bestätigt. Die Entschädigung kann manchmal nur sehr gering ausfallen, aber je nach Volksstärke und Jahreszeit auch mehrere hundert Euro betragen. Über die Einschädigung urteilt der zuständige Veterinär „Im Pankower Fall wurde dem Imker gedroht, dass er keine Entschädigung bekommt, wenn er nicht kooperiert, also seine eigenen Bienenvölker nicht tötet“, erklärt von Orlow.

 

Gesundheitsmobil, von dem viele nicht wissen

 

Zudem zeige sich aktuell, dass viele Imker nicht Bescheid wissen, wie sie in einem solchen Fall vorgehen sollten und welche Möglichkeiten sie haben, um den eigenen Bienenstand wieder seuchenfrei zu bekommen. „Berlin hat ein eigenes Gesundheitsmobil, einen Anhänger mit einer kompletten Ausstattung, um Imkermaterial wie Rähmchen und auch das Wachs seuchenfrei zu bekommen. Er wurde vom Land Berlin auf Antrag des Imkerverbands finanziert. Diesen Pkw-Anhänger kann quasi jeder nutzen, aber die wenigsten Imker wissen davon“, sagt von Orlow. Das Bienenwachs der befallenen und abgetöteten Völker durfte auch Robert Gummi nicht desinfizieren und weiter nutzen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Bienenwachs nach eine entsprechenden Desinfektion wieder komplett seuchenfrei ist. In vielen Bundesländern ist diese Option daher in den Durchführungsbestimmungen vorgesehen.

 

Ein weiteres wichtiges Anliegen der Petition ist, dass sich Berlin auch beim Thema Bienenseuchensachverständigen an das anschließt, was in vielen anderen Bundesländern schon Standard ist: dass es in den Imkervereinen jeweils ausgebildete Bienenseuchensachverständige gibt, die im Falle der Diagnose der Amerikanischen Faulbrut den Imkern zur Seite stehen – sachkundig beraten, eine Sanierung begleiten können und so auch verhindern helfen, dass der Schaden für den betreffenden Imker und andere größere Ausmaße annimmt.

 

Bislang haben über 800 Menschen die Petition unterschrieben und auch politisch hat sie bereits etwas ins Rollen gebracht. So soll es schon bald ein Treffen der Berliner Amtstierärzte mit Vertretern der Politik und der Berliner Imkerschaft gegen. Wie die Initiatoren der Petition melden, soll auch eine gesetzliche Regelung zur Ausführung des Tiergesundheitsgesetzes in Berlin schon im ersten Quartal des Jahres in Kraft treten. Was darin steht, ist aber noch unbekannt. Die Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung teilt zudem auf Anfrage mit, dass im Rahmen der Berliner Bienenstrategie die Etablierung eines berlinweiten Faulbrut-Monitorings voraussichtlich ab dem Jahr 2020 planmäßig durchgeführt werden soll. Hier im Blog wird weiterhin über dieses Thema berichtet.

 

Und auch noch ein weiterer Fortschritt hat sich bereits getan. So hat der Imkerverband Berlin sich dazu entschlossen, im März 2019 eine kostenfreie Ausbildung zum Bienenseuchensachverständigen für seine Mitgliedsvereine selbst zu organisieren und nicht darauf zu warten, bis dies gesetzlich vorgeschrieben wird.

 

Hier geht’s zur Online-Petition „Kein amtstierärztliches Abtöten von gesunden Bienenvölkern in Berlin“. >>>

 

Zusätzliche Info:

 

Mehr Bienenvölker in Berlin, mehr Amerikanische Faulbrut

 

Antworten auf eine Anfrage bei der zuständigen Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung:

  

„Seit dem Jahr 2015 hat sich der Bienenbestand in Berlin maßgeblich erhöht. Dies geht offenbar auch mit einem Anstieg der Faulbrutausbrüche einher. Die Entwicklung in Zahlen: 2015 (5.397 Völker, 0 Ausbrüche der AFB), 2016 (6.346 Völker, 4 Ausbrüche der AFB), 2017 (7.686 Völker, 4 Ausbrüche der AFB), 2018 (keine aktuelle Zahl zu Völkern, 5 Ausbrüche der AFB). Die Zahl der Faulbrutausbrüche hängt auch von weiteren Faktoren, wie z.B. Seuchenmeldetätigkeit der ImkerInnen, Wanderbewegungen von Völkern und der gemeinschaftlichen Nutzung von Ausrüstungsgegenständen ab. Aus den vorliegenden Daten lassen sich, abgesehen von dem augenscheinlichen Zusammenhang zu der Bienendichte, keine Rückschlüsse auf weitere Ursachen der ansteigenden Zahl der Faulbrutausbrüche ableiten."

 

 

 

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