Bestäubung: Unterschätzt und unterbezahlt

Wie Bestäubungsimker arbeiten und warum Bestäubungsprämien heute kein Standard mehr sind. Imker berichten aus der Praxis.

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Der Raps macht dem Obst Konkurrenz – zumindest aus imkerlicher Sicht. Als Streuobstwiesen noch das normale Landschaftsbild prägten, als Felder mal mit Getreide, mal mit Kartoffeln oder Mais, mal mit Raps oder einfach nur Gras bepflanzt waren, war die Welt für Bestäubungsimker noch in Ordnung. Genauer gesagt gab es sie gar nicht. Dass Imker ihre Bienenvölker zwischen Obstbäumen aufstellen, dort reichlich Honig ernten und die Obstbäume dadurch mehr Früchte tragen, war Standard. Zum gegenseitigen Dank, gab es für die Obstbauern ein wenig Honig und er bezahlte dem Imker meist einen kleinen Obolus – die Bestäubungsprämie.

 

Heute beherrschen dagegen Monokulturen unser Landschaftsbild. Kilometerlang reiht sich ein und dieselbe Feldfrucht aneinander und große Plantagen bestimmen die Struktur des Obstanbaus – zumindest in den klassischen Obstanbauregionen wie dem Alten Land bei Hamburg oder am Bodensee. Mit einher geht ein hoher Spritzmitteleinsatz. Und meist mähen die Obstbauern die Wiesen zwischen den Bäumen zur besseren Bewirtschaftung radikal ab, so dass hier weder Löwenzahn noch andere Blüten blühen, die die Bienen zusätzlich mit Pollen und Nektar versorgen.

 

Bestäubungsprämien sind kein Standard mehr

 

Christoph Maaßen und Melanie Röck sind dennoch zu Beginn ihrer Berufsimkerlaufbahn mit einigen ihrer Bienenvölker zur Obstblüte in die Plantagen ins Alte Land gewandert. Sie hatten Glück und haben dafür eine kleine Prämie bekommen – heute eigentlich kein Standard mehr. „Die Bienenvölker wachsen hier nicht, sie schrumpfen sogar und Honig gibt es wegen des kühlen Klimas im Alten Land quasi so gut wie keinen“, sagt Maaßen. Den Obstbaumblütenhonig verbrauchen die Bienen selbst.

 

„Früher hat der Bauernverband bzw. haben die Bundesländer pauschal eine kleine Prämie für jeden Imker bezahlt, der seine Bienen in eine Obstkultur platziert hatte. Diese pauschale Prämie gibt es nicht mehr“, berichtet Friedhelm Kemmeter, der Vorsitzende der Vereinigung der Bestäubungsimker Deutschlands. Heute kommt es mehr auf das Verhandlungsgeschick jedes einzelnen an. Maaßen und Röck konnten immerhin noch ein paar Euro für die Leistung jedes Bienenvolks aushandeln, dass sie damals zwischen den Obstbäumen aufgestellt haben. „An den Bestäubungsprämien ist gut, dass man das Geld im Mai schon hat, davon Futter, Diesel usw. kaufen kann“, erzählt Christoph Maaßen vom Start ins Berufsimkerdasein: „Uns hat die Bestäubung so geholfen die Kosten während der Saison zu bewältigen.“ Doch er gibt auch zu, dass sich das Wandern in die Obstblüte schnell nicht mehr lohnt, wenn man die Möglichkeit hat, die Bienen stattdessen an einem Rapsfeld aufzustellen. Sobald man ein gewisses, finanzielles Polster habe und wirklich durchrechne was man im Raps erzielen könne, werde man schnell von der Bestäubung abkommen.

 

Bestäubung: hohe Prämien sind Verhandlungssache

 

Es sei denn die Prämie stimmt. Laut Maaßen zahlen die Obstbauern im Alten Land teilweise bis zu 100 Euro für die vierwöchige Kirsch und Apfelblüte. Doch der 27-Jährige, der im vergangen Jahr seine Imkermeister gemacht hat, rechnet vor: „Rechnen wir mit nur zwanzig Kilogramm Raps mal fünf Euro, kommen wir schon auf 100 Euro plus Fahrtkosten usw. Die faire Prämie im Obst liegt bei etwa 200 Euro. Wenn man das Obstbauern sagt, die es immer gewohnt waren die Bienen gratis zu bekommen, oder sogar noch Honig geschenkt zu bekommen, reagieren die geschockt.“

 

So haben er und seine Freundin und Imkerpartnerin Melanie Röck das Wandern in die großen Plantagen beinahe aufgegeben – nur etwas zehn Prozent ihrer 300 Völker steht im Frühjahr nahe der Obstbäume im Alten Land – und sie nutzen die Obstblüte lieber in Brandenburg, wo die Bienen zusätzlich in den Raps fliegen können. „Wenn die Obstplantage von Raps umgeben ist und es garantiert keinen Spritzmitteleinsatz während der Blüte gibt und die Obstbauern den Löwenzahn zwischen den Bäumen nicht mähen, kann man dort eine Menge Honig ernten und die Bienen entwickeln sich gut“, erzählt Maaßen, der sich nicht als Bestäubungsimker bezeichnen möchte, da die Prämien nur einen kleinen Teil seines Umsatzes ausmachen.

 

In der Ausbildung spielte die Bestäubungsimkerei keine Rolle. Da Maaßen und Röck allerdings im Winter immer ins Ausland gehen, um in verschiedenen anderen großen Imkereien mitzuarbeiten, haben sie in Neuseeland in einem Betrieb mitgearbeitet, der mit 3.000 Völkern in die Kiwi- und Avocado-Blüte gewandert ist. Dort konnten sie viel über diese Form der Betriebsführung lernen.

 

Bestäubung oder Honig: Betriebsweisen unterscheiden sich stark

 

Und diese unterscheidet sich stark von der eines Imkers, der in erster Linie auf die Honigernte setzt. „Der Honig ist bei einem richtigen Bestäubungsimker eher zweitrangig – vor allem dann, wenn er seine Bienenvölker ins Gewächshaus oder in einen Folientunnel stellt“, erklärt Friedhelm Kemmeter. Je nach der Größe der Blühflächen, die zu bestäuben sind, passt ein Bestäubungsimker die Größe des Bienenvolks an und lässt die Flugbienen zuvor abfliegen. Da die Pollenversorgung in einer geschlossenen Umgebung zudem sehr einseitig sein kann, gibt er den Bienen vor dem Ausstellen manches Mal Pollen als Futter mit. Auch die Nektarversorgung kann im Gewächshaus leiden und so füttert ein Bestäubungsimker die Bienen, bevor sie hier eingesetzt werden – was bei einer geplanten Honigernte natürlich nicht erlaubt wäre. „Außerdem achten wir darauf, wie wir die Bienen aufstellen. Das erfolgt verteilt zwischen den Blüten unmittelbar in der zu bestäubenden Kultur und nicht als Block“, sagt Kemmeter.

 

Friedhelm Kemmeter imkert selbst in beiden Varianten: mit Bienenvölkern, die er hauptsächlich zur Bestäubung einsetzt und mit anderen, die ihm Honig bringen. Das Bestäuben im geschützten Anbau powert die Bienen stark aus. Sie sollten nach einem Einsatz dort auf eine Fläche gestellt werden, die ihnen ermöglicht sich ausreichend und vielfältig zu ernähren.

 

In sehr großen Gewächshäusern setzen Bauern heute auch Hummeln statt Bienen ein. Der Vorteil an Hummeln: Sie fliegen meist nur in einem Umkreis von 150 Metern und kennen keine Blütenstetigkeit. Stattdessen grasen sie alles ab, was ihnen auf dem Sammelflug begegnet. Außerdem sind sie schwerer, haben einen längeren Rüssel und können so Nektar und Pollen auch von Pflanzen nutzen, an deren Inneres die Bienen nicht herankommen. Manchmal knabbern Hummeln die Blüten – etwa bei Tomaten – auch von außen an oder versetzen sie in Schwingung, um an den Nektar zu kommen. Auf Hummeln und andere Bestäuber spezialisierte Firmen bieten Hummelvölker in Pappkisten an, die per Post angeliefert und einfach zwischen die zu bestäubenden Pflanzen gestellt werden. Im Gegenzug dazu ist beim Einsatz von Bienenvölkern als Bestäuber immer auch eine intensive Zusammenarbeit mit dem Imker nötig.

 

Bestäubungsimker: ständige Fortbildung nötig

 

Friedhelm Kemmeter legt Wert darauf, dass der Begriff „Bestäubungsimker“ eigentlich ein Kunstwort ist, da die Bestäubung automatisch passiert, wenn Bienen am Werk sind. Grundsätzlich könne man dennoch sagen, dass ein „Bestäubungsimker“ ein Imker ist, der zum einen Lehrgang mit der Themenstellung „Bestäubungsimkerei“ absolviert hat und zudem sich intensiv mit der Thematik der Bestäubung befasst. Ein solcher Lehrgang umfasst sowohl Informationen zur Betriebsweise eines Bestäubungsimkers als auch zu vielen Randbedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Bestäubung richtig klappt und die Bestäuber nicht geschädigt werden – etwa durch giftige Pflanzenschutzmittel. „Bestäubungsimker müssen sich mit den Pflanzen auskennen, die bestäubt werden sollen, mit Pflanzenschutzmitteln und ihrer Wirkung und auch mit rechtlichen Fragen in der Landwirtschaft“, sagt Kemmeter und weist darauf hin, dass damit einhergehend eine ständige Fortbildung nötig sei.

 

So geht ein ausgebildeter Bestäubungsimker sehr gezielt vor, platziert die Bienenvölker mit überlappenden Flugradien in eine Kultur und er berät die Landwirte, so dass diese weder während der Blütezeit Spritzmittel ausbringen noch andere Maßnahmen ergreifen, die die Bienen und damit auch deren Bestäubungsleistung gefährden. „Als Bestäubungsimker steht man im direkten Kontakt zum Landwirt“, sagt Kemmeter. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und die Bestäubung würden so koordiniert, dass die Bienen einer Applikation nicht ausgesetzt wären.

 

Der direkte Kontakt macht es den Imkern auch möglich, mit den Landwirten über die Leistung der Bienen und über deren Nöte zu sprechen. Und eine gute Dienstleistung hat Ihren Wert und sollte auch finanziell belohnt werden. Friedhelm Kemmeter empfiehlt deshalb als Richtwert eine Prämie von mindestens 65 Euro für das Aufstellen eines Bienenvolks in einer Freilandkultur für eine Saison und 35 Euro für ein Bienenvolk, das in ein Gewächshaus oder einen Folientunnel gestellt wird – allerdings diesmal pro Woche.

 

Bestäubungsleistung bringt dicke Ertragssteigerung

 

Die Leistung der Bienen ist erheblich und dies nützt auch dem Landwirt. Der volkswirtschaftliche Nutzen der Bestäubungsleistung liegt alleine in Deutschland nach Angaben des Deutschen Imkerbunds bei rund zwei Milliarden Euro. Weltweit liegt er bei rund 70 Milliarden US-Dollar. Die Erträge beim Obst und bei anderen Feldfrüchten, die en Bienen Nektar bieten, steigen durch den Blütenbesuch der Tiere. Und nicht nur das: Die Früchte werden auch dicker, ausgewogener im Geschmack (Zucker-Säure-Gehalt) und lagerfähiger.

 

Ein einziges Honigbienenvolk kann pro Tag bis zu drei Millionen Obstblüten bestäuben. Und das hat Folgen. Der Nabu hat die Ertragssteigerung bei einigen Obstsorten genauer untersucht. Das Ergebnis: Der Ertrag bei Himbeeren und Erdbeeren steigt um 50 Prozent, bei Birnen um 71 Prozent, bei Pflaumen um 75 und Sauerkirschen um 78 Prozent und bei Äpfeln sogar um 86 Prozent, wenn Bienen an den Blüten Nektar gesammelt haben.

 

Weitere Infos zur Ausbildung zum Bestäubungsimker gibt es hier.>>> 

 

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