Bienengefährliche Pestizide aus dem Baumarkt

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist weiterhin auf dem Markt und Landwirte nutzen es genauso wie viele andere Pflanzenschutzmittel. Aber auch in privaten Gärten werden sie häufig eingesetzt – und sie werden zur Bedrohung für Tier, Natur und Mensch wird. Viele Mittel gibt es im Baumarkt zu kaufen. Naturschützer fordern Änderungen bei der Zulassungspraxis und neue Kriterien für die Einstufung der Bienengefährlichkeit.

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Bei den Schlagwörtern "Pestizide", "Herbizide" und "Pflanzenschutzmittel" denkt man an die Landwirtschaft – durch die starke Diskussionen in den Medien im vergangenen Jahr wahrscheinlich auch an "Glyphosat" oder kompliziert klingende Begriffe wie "Neonicotinoide". Die konventionelle Landwirtschaft nutzt viele der Mittel fleißig, doch einige davon sind wahrhaftig gefährlich.

 

Die EU-Kommission hat die Zulassung des Totalherbizids Glyphosat trotz heftiger Kritik verlängert. Und so darf das Mittel, von dem noch immer nicht sicher ist, ob es krebserregend ist, weiter ungehindert versprüht werden. Landwirte nutzen Glyphosat unter anderem dafür, all die Pflanzen auf den Äckern zu vernichten, die dort nicht gezielt angebaut sind – also zur Unkrautvernichtung. Das sorgt aber auch dafür, dass viele Pflanzen, die als Nahrung für Insekten dienen, sogar von den Randstreifen der Felder verschwinden.

 

Genau dies geschieht jedoch auch in vielen Gärten und auf Wegen oder Plätzen – und noch viel mehr. Glyphosat und viele andere Mittel, die in der Landwirtschaft gegen unerwünschte Pflanzen, gegen vermeintliche Schädlinge – manchmal auch durchaus nützliche Kleinstlebewesen – und auch für ein besseres Wachstum eingesetzt werden, sind gefährliche Chemikalien. Ihr Einsatz hat nicht selten schädliche Nebenwirkungen. Diese Mittel gibt es auch frei verkäuflich in Baumärkten und in Gartencentern. Und sie wird gekauft.

 

Jährlich über 500 Tonnen Pestizide in privaten Gärten

 

Nach Angaben des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) landen jedes Jahr über 500 Tonnen Pestizide in Deutschland in privaten Gärten. Zwar sei die Landwirtschaft das Haupteinsatzgebiet für Pestizide, aber auch Haus- und Kleingärtner hantieren eifrig mit der Giftspritze, teilt der Naturschutzverband mit. Diese Giftspritze enthält teilweise genau die gleichen Stoffe, die auch die Landwirte einsetzen – bei Glyphosat beispielsweise als Mittel mit dem Namen "Roundup" des Herstellers Monsanto.

 

Außerdem gehören die bienengefährlichen Neonicotinoide dazu – unter den Produktbezeichnungen Calypso, Lizetan oder Carreo werden sie häufig von Hobbygärtnern gekauft und angewendet. Als Folgen sind Schädigungen von Bienen, Wildbienen und anderen Insekten oder Ameisen und Regenwürmern bekannt.

 

Anders als Landwirte, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie meist wissen, wie die Mittel wirklich wirken, seien Hobbygärtner überwiegend Laien was den chemischen Pflanzenschutz angeht, erklärt Corinna Hölzel vom BUND und weist darauf hin, dass deshalb eine große Gefahr bestehe, dass die Mittel falsch angewendet werden. "Falsch" kann in im Fall von Pflanzenschutzmitteln bedeuten: überdosiert, zur falschen Zeit, so dass die Pflanzen während der Behandlung blühen und von Insekten beflogen werden oder auch mit anderen Mitteln gemischt, so dass ein noch giftigerer Cocktail entsteht. Leider fehlen oft Kenntnisse über chemiefreie Alternativen, die es für jedes Problem im Hobbygarten gibt.

 

"Viele Pestizide wirken nicht gezielt nur gegen ein einziges Unkraut oder einen Schädling, sondern vernichten wichtige Blühpflanzen und schaden auch Nützlingen", sagt Hölzel. "Außerdem stören sie das ökologische Gleichgewicht, denn wenn man Gifte in die Umwelt einbringt, bleibt immer etwas im Boden zurück, es kann ins Grundwasser gelangen und sich dann wiederum auch in anderen Pflanzen anreichern, die wir essen oder die Tieren als Nahrung dienen", erklärt sie die Gefahren.

 

Kein Hobbygarten würde ohne chemische Mittel verwildern

 

Das Wichtigste sei eine bessere Aufklärung über die Risiken und Folgen des Ausbringens von Pflanzenschutzmitteln in den Klein- und Hausgärten. Einige Kommunen haben bereits erkannt, dass sie in ihren Parks, auf Sport- und Spielplätzen und auf den Grünanlagen bewusst auf Pestizide verzichten sollten. Geholfen hat dabei auch die starke öffentliche Debatte über das Thema in den vergangenen Monaten. Doch was in den privaten Gärten geschieht, weiß nun einmal kaum einer und es wird nicht kontrolliert. Umso wichtiger ist es, die Menschen darüber zu informieren, dass man auch ganz ohne Pestizide erfolgreich gärtnern könne.

 

"Kein Hobbygarten wird verwildern, wenn man dort keine Chemie mehr einsetzt. Man kann auch mal wieder zu Harke greifen und das Unkraut jäten, wenn es zu viel wird", erklärt die Pestizid-Expertin. Mit der richtigen Pflanzenauswahl und biologischem Dünger und Pflanzenstärkung hält man seine Pflanzen gesund und widerstandsfähig gegenüber Pilzen und Schädlingen. Sollten doch die Blattläuse überhand nehmen, können diese abgespült werden. "Für Hobbygärtner geht es oft um Ästhetik. Da findet zum Glück gerade ein Wandel statt. Naturnahe Gärten im ökologischen Gleichgewicht finden immer mehr Akzeptanz und verdrängen den aufgeräumten Garten mit giftgrünem Einheitsrasen und exotischen Rabatten", sagt sie. Bei Landwirten gehe es um die Wirtschaftlichkeit. Deshalb müssten ökologische Leistungen auch honoriert werden. Außerdem müsse stärker an giftfreien Alternativen geforscht werden. Im Bio-Bereich ist der Anbau ohne die schädlichen Mittel bereits möglich.

Der BUND bietet online viele Informationen zum Gärtnern ohne Gift und zu biologischen Alternativen wie etwa selbst hergestellte Pflanzenextrakte.>>>

 

Das Problem mit der mangelnden Beratung vor dem Einsatz der giftigen Mittel aus dem Baumarkt wird übrigens an der Stelle noch präsenter, wenn es um den Einkauf im Internet geht. Denn nach dem großen Medienecho zur Glyphosat-Entscheidung der EU haben einige Baumärkte reagiert und Mittel, die den Wirkstoff enthalten, nach eigenen Angaben aus dem Sortiment genommen. Doch einerseits gibt es noch viele andere Pestizide, die schädlich sind. Und andererseits ist auch das Internet ein wichtiger Verbreitungsweg der Pestizide. Und genau hier gibt es noch weniger Kontrolle und weniger Aufklärung.

So hat eine stichprobenhafte Untersuchung, die die grüne Bundestagsfraktion in Auftrag gegeben hat, ergeben, dass viele Glyphosat-Produkte für den Haus- und Kleingartenbereich mittlerweile übers Internet verkauft werden. Mit dem Ausweichen auf den Online-Handel umgehen viele Verkäufer jedoch ihre gesetzliche Pflicht, die Kunden sachkundig zu beraten. Ob dieser gesetzlichen Pflicht in den Baumärkten wirklich nachgegangen wird, sei dahin gestellt. Dennoch zeigt die Untersuchung, wo bei dem Thema zusätzliche Probleme liegen, die sich in Zukunft weiter verschärfen könnten.

 

Naturschutzverbände fordern Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Kleingärten

 

Naturschutzverbände fordern deshalb schon lange von der Bundesregierung und der EU eine Reform des Zulassungssystems und ein Verbot von besonders gefährlichen Pestiziden wie Glyphosat und der Neonicotinoide. Für den Kleingärten sollten keine chemisch-synthetischen Pestizide zugelassen sein.

 

Und noch eine Forderung formuliert Hölzel: "Wir brauchen endlich eine neue gesetzlich vorgegebene Definition der Bienengefährlichkeit", sagt sie und fügt hinzu, dass das, was die Hersteller der Pflanzenschutzmittel derzeit mit ihren Kennzeichnungen auf den Produkten – also Buttons und Schriftzüge wie "ungefährlich für Bienen" – den Kunden weiß machen wollen Verbrauchertäuschung sei. Hier werde ein Beurteilungssystem zugrunde gelegt, das im Wesentlichen auf der akuten Giftigkeit beruht.

 

"Das greift aber viel zu kurz, denn viele Mittel haben langfristige Folgen, Kombinationswirkungen unter einander und zeigen sogenannte subletale Wirkungen", erklärt die Expertin. Gemeint ist damit etwa, dass das Immunsystem der Bienen und vieler anderer Insekten geschwächt wird, dass der Orientierungssinn gestört wird und sie nicht mehr in den Bienenstock zurückfindet oder dass die Fruchtbarkeit bei den männlichen Bienen abnimmt. All das berücksichtige die aktuell geltende Definition nicht.

 

2018 beschloss die EU-Kommission eine Ausdehnung des Verbots von drei Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide für den Freilandanbau. Die Entscheidung war knapp, die Agrarindustrie, vor allem die Zuckerrüben-Industrie hatten im Vorfeld noch für viele Ausnahmen gekämpft. Neonicotinoide sind Mittel, die in der Landwirtschaft und auch in Gärten gegen Schädlinge häufig eingesetzt werden und die eine große Gefahr für Wildbienen und Honigbienen sind. Das Verbot der drei Neonicotinoide ist ein wichtiger Erfolg für Bienen und Artenvielfalt. Jedoch sind noch weitere, ähnlich gefährliche Wirkstoffe aus dieser Gruppe zugelassen, unter anderem in frei verkäuflichen Produkten in Gartencentern, Baumärkten und im Internet. Neonicotinoide sind laut Corinna Hölzel auch bei Hobbygärtnern sehr beliebt, denn sie wirken gegen eine Reihe von Schädlingen.

 

INFO

Diese Kennzeichnungen zur „Bienengefährlichkeit“ sind im Gesetz geregelt

 

Pflanzenschutzmitteln werden laut Gesetz in vier Kategorien eingestuft:

B1 = bienengefährlich

B2 = bienengefährlich, außer bei der Anwendung nach dem Ende des täglichen Bienenfluges in dem zu behandelnden Bestand bis 23.00 Uhr

B3 = aufgrund der durch die Zulassung festgelegten Anwendung des Mittels werden Bienen nicht gefährdet

B4 = nicht bienengefährlich

 

  • Das Pflanzenschutzgesetz regelt den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Honigbienen werden durch die Verordnung über die Anwendung bienengefährlicher Pflanzenschutzmittel (die sogenannte Bienenschutzverordnung) geschützt. So gelten für das Ausbringen von "bienengefährlichen" Pflanzenschutzmittel Auflagen bei der Anwendung. Die Auflagen gelten für jeden Anwender unabhängig von Eigentumsverhältnissen oder Betriebsgrößen (Landwirt, Auftragsunternehmer, Gärtner oder Kleingärtner).

  • Danach gilt, dass grundsätzlich keine blühenden oder von Bienen beflogenen Kulturen mit bienengefährlichen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden dürfen. Dies gilt auch für Pflanzen, die sich am Rande oder nahe an der zu behandelnden Pflanze befinden. Ebenso dürfen bienengefährliche Pflanzenschutzmittel nicht im Umkreis von Bienenvölkern ausgebracht werden. Es muss ein Abstand von 60 Metern eingehalten werden. Bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln ist vom Anwender auch zu beachten, dass durch den Wind ein Spritznebel des Mittels abdriften kann.

  • Nicht bienengefährliche Pflanzenschutzmittel dürfen in die Blüte gespritzt werden.

  • Die dritte Kategorie von Pflanzenschutzmitteln besagt, dass die Mittel zwar grundsätzlich als bienengefährlich gelten, allerdings nicht bei der Anwendung nach dem täglichen Bienenflug bis 23 Uhr. Also dürfen diese Mittel nach Ende des Bienenflugs bis 23 Uhr ausgebracht werden.

  • Die vierte Kategorie betrifft Pflanzenschutzmittel bei deren Anwendung Honigbienen nicht mit dem Präparat konfrontiert werden. Dies ist die Kategorie B4, die auf vielen Pflanzenschutzmitteln erwähnt wird, die es im Baumarkt unter dem Hinweis „nicht gefährlich für Bienen“ zu kaufen gibt.

 

Weitere Infos gibt das LAVES Institut für Bienenkunde in Celle online unter laves.niedersachsen.de/tiere/bienenkunde.

Quelle: LAVES Institut für Bienenkunde Celle

 

 

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