Das steckt in der Berliner Bienenstrategie

Verpflichtende Gesundheitszeugnisse für das Aufstellen von Bienenvölkern in Berliner Wäldern, mehr bestäuberfreundliche Dachgärten, keine Pestizide mehr in Kleingärten und Mindeststandards für die Qualifikation von Imkern – die neue Berliner Bienenstrategie ist beschlossen und bringt einige Neuerungen für Imker mit sich. Die steigende Honigbienendichte wird aber nicht nur positiv gesehen.

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Vor einem Jahr hatte das Berliner Abgeordnetenhaus den Senat aufgefordert, eine Strategie zum Schutz und zur Förderung von Bienen und anderen Bestäubern zu entwickeln. Damit waren die Pläne um die Berliner Bienenstrategie geboren und die Debatte startete. Nun liegt die Strategie mit ihren konkreten Maßnahmen vor, die das Land Berlin in den nächsten Jahren in die Tat umsetzen will. Der Senat hat den dazugehörigen Bericht der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Mitte April beschlossen.

 

Diese nennt die Bienenstrategie ein „Gesamtkonzept, das die Lebensbedingungen der Bestäuber verbessert sowie die Imkerei in Berlin qualifiziert und fördert“. Der Fokus liegt sowohl auf Honig- als auch auf Wildbienen, wobei letztere mit weitaus positiverem Unterton als unterstützenswert beschrieben werden.

 

Berlin baut, verliert eine Brachfläche nach der anderen und statt passender Nahrungspflanzen für Insekten zu pflanzen, wurden Parks und Grünflächen jahrelang vernachlässigt. In der Bienenstrategie werden unter anderem diese Problemen als Gründe genannt, warum es den Bestäuberinsekten in der Hauptstadt immer schlechter geht. Und das, obwohl Berlin durch seine Größe und die Anzahl an Parks, Kleingärten, Grünanlagen und auch Waldgebieten einst eigentlich als Lebensraum galt, den Bienen sehr gerne nutzen: mit vielen nektarspendenden Straßenbäume wie Linden und Robinien, leerstehenden Flächen an Bahnstrecken mit wild wachsenden Pflanzen und auch, ohne die Belastungen aus einer immer intensiver betriebenen Landwirtschaft.

 

Genau diese Faktoren haben aber auch dafür gesorgt, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Stadtimker sehr stark gewachsen ist – allein zwischen 2007 und 2017 hat sie sich verdreifacht auf 1.334 Imkerinnen und Imker, die im Deutschen Imkerbund (D.I.B.) organisiert sind. Dazu kommt eine große Zahl von Imker, die keinem klassischen Imkerverein angehören. Da die meisten Hobbyimker eher wenige Bienenvölker halten, die diese Zahl zwar im gleichen Zeitraum nicht ganz so stark zugenommen – im Schnitt sind es nur zwei Bienenvölker pro Berliner Stadtimker. Dennoch ist die Zahl so stark angestiegen, dass die hohe Honigbienendichte bei einem eingeschränkten Nahrungsangebot Wildbienen verdrängen kann . Zudem konnte sich die Infrastruktur für Imker – vor allem, was die Ausbildung und Qualifikation betrifft – nicht derart schnell anpassen. Mit den künftig startenden Maßnahmen zu einer besseren Qualifizierung der Imkerei setzt das Land Berlin nun sowohl bei den Imkern selbst an, bei den Imkervereinen und anderen Organisationen rund um die Stadtimkerei als auch bei den Amtstierärzten und behördlichen Strukturen, die direkt Einfluss auf die Haltung von Bienenvölkern haben.

 

Maßnahmen zur Qualifizierung der Stadtimkerei:

- Für die Aus- und Weiterbildung der Imker sollen Institutionen wie der Berliner Imkerverband und auch das Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf mehr Unterstützung bekommen. Die Geschäftsstelle des Imkerverbands soll statt ehrenamtlich betrieben, dauerhaft etabliert werden. Am Bieneninstitut soll es künftig einen Bienenfachberater speziell für Berlin geben.

- Informationsmedien für Imker soll es künftig in mehreren Sprachen geben.

- Ein berlinweites Ausführungsgesetz zum Tiergesundheitsgesetz soll erstellt werden. Dieses regelt dann das Vorgehen zur Feststellung eines Bienenseuchenausbruchs (wie die Amerikanische Faulbrut) und die Bekämpfung sowie die Ausstellung von Wanderbescheinigungen und welche Kosten die Behörden für diese Aufgaben verlangen dürfen. Bislang regeln das die Bezirke selbst und es gibt in Berlin ganz unterschiedlich Regelungen, die nun harmonisiert werden sollen. Zur bessere Bekämpfung der Amerikanischen Faulbrut soll es zudem ein berlinweites Monitoring geben.

- In den Bezirken soll es künftig jeweils Bienenseuchensachverständige geben. Das sind speziell geschulte Imker, die mit den Veterinärämtern zusammenarbeiten – etwa bei der Probenname für Gesundheitszeugnisse oder wenn es um die Sanierung eines Bienenstandes geht, an dem Bienen erkrankt sind.

- Der wohl wichtigste Punkt in Sachen Qualifikation der Berliner Imker selbst, sind Mindeststandards für die imkerliche Ausbildung, die der Berliner Imkerverband nun gemeinsam mit der Freien Universität Berlin und dem Länderinstitut für Bienenkunde formulieren wird. Im Bericht heißt es dazu: „Um einen hohen Standard der Imkerei zu gewährleisten, werden (…) Mindeststandards für die imkerliche Qualifikation und Ausbildung formuliert und entwickelt, an denen sich zukünftige Fortbildungen und Lehrgänge orientieren können.“ Es soll ein modularen und für alle Personen offenes Kursprogramm angeboten werden, bei denen auch nicht traditionelle Imkerformen angesprochen werden (Bsp.: Bienenbox, wesensgemäße Bienenhaltung).

 

Im Bericht zur „Strategie zum Schutz und zur Förderung von Bienen und anderen Bestäubern in Berlin“ – wie die Bienenstrategie offiziell heißt – wird so auch die Nahrungskonkurrenz zwischen Wild- und Honigbienen zum Thema. Wohl wichtigstes Ziel dabei: der Erhalt und die Förderung der Artenvielfalt. Zwar soll diese Konkurrenz erst noch richtig erforscht werden, dennoch werden mit der Berliner Bienenstrategie Imker ganz klar in die Pflicht genommen, sich verantwortungsvoller um ihre Bienen zu kümmern. Außerdem soll die Stadtnatur so umgestaltet werden, dass es im Nahrungsangebot erst gar nicht zu einer Knappheit kommt bzw. dazu, dass die vermeintlich stärkeren Honigbienen den Wildbienen Nektar und Pollen „wegfressen“. Denn die meist solitär lebenden Wildbienen haben gegen ganze Honigbienenvölker wenig Chance.

 

Besonders aber auch der starke Bauboom, der viele jahrelang leerstehende Flächen nun mit neuen Gebäuden und der dazugehörigen Infrastruktur versiegelt, lässt die Wildbienen Berlin verlassen. So heißt es in dem Bericht: „Gegenwärtig stehen 40 Prozent der Wildbienen Berlins auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Mit 322 Arten ist Berlin ein Hotspot der Wildbienenvielfalt in Deutschland. Mehr als jede zweite bundesweit bekannte Bienenart kommt in Berlin vor. Allerdings wurden 36 Arten seit Beginn der 1990er Jahre nicht mehr in Berlin nachgewiesen und gelten daher in diesem Bezugsraum als ausgestorben und verschollen.“

 

Doch wie kann man nun vermeiden, dass Wildbienen und Honigbienen in eine Konkurrenz um das Nahrungsangebot treten? Wohnraum für die wachsende Berliner Bevölkerung wird gebraucht und deshalb wird auch weiter gebaut. Brachflächen werden verschwinden und weitere potenzielle Blühflächen versiegelt. Also muss man dort, wo es möglich ist, Bienenweide pflanzen, die allen Bienen Nahrung bieten. Im Bericht der Senatsumweltverwaltung sind dafür verschiedenste Maßnahmen genannt, in denen es vorrangig um die Aufklärung der zuständigen Stellen – wie Grünflächenämter und auch Kleingartenvereine – über eine bienenfreundliche Bepflanzung geht. Zudem sollen Pilotprojekte zeigen, wie eine passende Bepflanzung dem Ansiedeln bestimmter Insekten hilft.

 

Maßnahmen für ein bestäuberfreundlicheres Nahrungsangebot in Berlin:

- Die Ziele der Berliner Bienenstrategie werden Bestandteil der „Charta Berliner Stadtgrün“ - einer Selbstverpflichtung der Stadt angesichts der zunehmenden Nutzungskonkurrenz zwischen Wohnraum, Verkehrswegen und weiterer Infrastruktur, die Grün- und Blühflächen nicht zu verkleinern.

- In das „Handbuch gute Pflege“ für die Berliner Grünflächenpflege sollen die Belange der bestäuberfreundlichen Bepflanzung und deren Pflege aufgenommen werden.

- Einrichtungen des Landes Berlin mit großen Grünflächen wie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die Berliner Wasserbetriebe und die Grün Berlin GmbH sollen sich auf freiwilliger Basis zu einer bestäuberfreundlichen Gestaltung und Pflege ihrer Flächen bereiterklären.

- Es soll eine berlinspezifische Pflanzliste erarbeitet werden, die aufschlüsselt, welche pollen- und nektarspendenden Pflanzen sich am Standort Berlin für die verschiedenen Vegetationstypen wie Wiesen, Stauden, Sträucher und Gehölze eignen.

- Für Kleingärtner gelten Verwaltungsvorschriften nach dem Bundeskleingartengesetz. Diese werden in Berlin derzeit überarbeitet, da die derzeit geltenden Ende 2019 außer Kraft treten. Integriert werden soll in die neue Version, ein besonderer Schutz und die Förderung von Bienen und anderen Bestäubern. Außerdem sollen die Gartenfachberater der Kleingartenkolonien Schulungen zum Thema Bienen- und Bestäuberschutz bekommen.

- Das Pilotprojekt „Mehr Bienen für Berlin – Berlin blüht auf“, das bereits 2018 gestartet ist und an ausgewählten Orten testet, was eine bienenfreundliche Bepflanzung bewirken kann, soll fortgesetzt werden. Dazu gehört auch das Projekt „ Bestäubend schön Berlin – begrünen für Wildbienen und Co“ der Grünen Liga Berlin e. V., das Infos für Bürger bereitstellt und eine Infobox für Akteursgruppen wie Kitas oder Wohnungsgesellschatften.

- Die Senatsumweltverwaltung erarbeitet derzeit ein neues Förderprogramm „1000 grüne Dächer“, damit mehr Dächer von Bestandsgebäuden begrünt werden. Dabei sollen bestäuberfreundliche Bepflanzungen beachtet werden.

 

Wichtig sind dem Land Berlin im Zusammenhang mit der Vermeidung einer Konkurrenzsituation zwischen den wilden Bienen und denen, die von Imkern gehalten werden, ganz besonders die Schutzgebiete – wie etwa der Schloßpark Lichterfelder, das Tegeler Fließ oder die Unkenpfuhle Marzahn. Und so schreibt die Bienenstrategie ab jetzt vor: „Jedes Vorhaben zur Imkerei im Bereich von Schutzgebieten ist auf Basis eines konkreten Antrags zu prüfen.“ Da für jedes Schutzgebiet ein bestimmter Schutzzweck definiert ist, bestimmt dieser künftig auch, ob dort geimkert werden darf.

 

Das Land Berlin möchte aber auch den Tiergesundheitsschutz durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Imkern und Veterinären ausbauen und dadurch, dass mehr Imker ihre Bienen regelmäßig auf Sporen von Krankheiten untersuchen und Gesundheitszeugnisse erstellen lassen. Dem Bericht zufolge findet dies kaum statt. Der Berliner Senat möchte das Vorlegen eines Gesundheitszeugnisses künftig dann vorschreiben, wenn Imker ihre Bienen auf einer Fläche aufstellen, die zu den Berliner Forsten gehört. Immerhin fast ein Fünftel der Fläche Berlin ist bewaldet und ein Großteil davon gehört zum Besitz der Berliner Forsten.

 

Der Senat will außerdem das derzeit geltende Lichtkonzept überarbeiten. Es stammt aus dem Jahr 2011 und entspricht dem Bericht zufolge nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Ziel der neuen Version soll unter anderem der Schutz nachaktiver Insekten sein, denn diese werden durch zu grelles Licht und eine umfassende Beleuchtung stark irritiert.

 

Zwar gibt die Senatsumweltverwaltung an, dass schon seit Jahren in den Berliner Grünanlagen keine Pflanzenschutzmittel mehr eingesetzt werden, dennoch kann sich Berlin nicht mit der Bezeichnung „pestizidfreie Stadt“ schmücken. Das Problem sind die privaten Gärten, in denen der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden nicht verboten ist. In Baumärkten sind sie frei verkäuflich. Künftig soll nach Vorgaben der neuen Bienenstrategie das Pflanzenschutzamt verstärkt Beratungen anbieten, um über diese Problematik aufzuklären und über die Folgen des Pestizidseinsatzes zu informieren. Die „möglichst pestizidfreie Stadt“ ist das Ziel.

 

Aufklärung steht im Fokus der Berliner Bienenstrategie und so steckt der Senat künftig auch mehr Arbeit in eine passende Öffentlichkeitsarbeit zu den Maßnahmen für den Insektenschutz – sowohl online mit entsprechend neu aufgesetzten Internetseiten als auch durch die Erarbeitung von berlinspezifischem Informationsmaterial zur Wildbienen und bestäuberfreundlichen Bepflanzungen. Außerdem sollen Themen rund um die biologische Vielfalt stärker in den Lehrplänen verankert werden und auch im Schulalltag – in Schulgärten und an den Bienenständen der Gartenarbeitsschulen – stattfinden.

 

Die Maßnahmen im Rahmen der Berliner Bienenstrategie sollen nun Stück für Stück in der Praxis umgesetzt werden bzw. Eingang in die Planungen der Bezirke, in Förderkataloge und auch in die Finanzplanung finden. So heißt es im Bericht: „In künftigen Haushalten des Landes Berlin ist daher sicher zu stellen, dass den Verwaltungen ausreichend Haushaltsmittel für die Umsetzung der Bienenstrategie in Bezug auf die künftige Förderung der Imkerei zur Verfügung gestellt werden.“ Anders als in anderen Bundesländern, in denen es ein zuständiges Ministerium für Landwirtschaft gibt, das auch Fördermittel bereitstellen kann, gibt es im Stadtstaat Berlin so etwas nicht. So existiert auch keine Förderung speziell für Neuimker, die daran gebunden werden kann, dass vor der Bienenhaltung entsprechende Kurse besucht werden müssen. Imker sind per Gesetz Landwirte – Tierhalter mit Verantwortung für Lebewesen – auch in der Stadt.

 

Die wichtigsten Punkte der Berliner Bienenstrategie als Übersicht:

 

  • Grünflächenämter, Kleingartenvereine, Wohnungsbaugesellschaften und andere öffentliche Akteure wie BVG oder Wasserbetriebe sollen genauso wie private Gartenbesitzer stärker für bestäuberfreundliche Bepflanzungen und eine entsprechende Pflanzenpflege – möglichst ohne Pflanzenschutzmittel – sensibilisiert werden. Eine berlinspezifische Pflanzliste wird noch erstellt.

  • Berliner Imker sollen besser ausgebildet werden. Dafür werden Mindeststandards erarbeitet.

  • Amtstierärzte sollen besser für den Umgang mit Bienenkrankheiten qualifiziert werden. Außerdem wird ein berlinweites einheitliches Ausführungsgesetz des Tiergesundheitsgesetzes erarbeitet.

  • Das Land Berlin will dafür sorgen, dass mehrere Bienenseuchensachverständige ausgebildet werden, die die Veterinäre unterstützen, wenn eine Bienenseuche diagnostiziert wird oder wenn Gesundheitszeugnisse erstellt werden sollen.

  • Imker, die Bienenvölker auf Flächen der Berliner Forsten aufstellen wollen, müssen künftig zuvor ein Gesundheitszeugnis vorlegen.

  • Imker, die Bienenvölker in einem der Berliner Schutzgebiete aufstellen wollen, müssen zuvor eine Prüfung abwarten, ob der Schutzzweck dadurch gefährdet wird.

  • Der Senat erarbeitet ein neues, insektenfreundliches Lichtkonzept.

  • Die Nahrungskonkurrenz zwischen Wildbienen und Honigbienen wird von der TU Berlin besser erforscht.

 

 

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