Den wilden Bienen geht es schlecht

Berlin hat eine neue Rote Liste der Wildbienen. Steigt die Hauptstadt in den letzten Jahren immer mehr zur Stadtimkerhochburg auf, so zeigt sich für die wilden Schwestern der Honigbienen keine schöne Entwicklung. Immer mehr Arten sind gefährdet.

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Wenn Christoph Saure im Sommer ausnahmsweise mal am Schreibtisch sitzt statt mit Lupe und Fangnetz über Berliner Wiesen zu kriechen, verschwindet er fast hinter Papierstapeln, Büchern, Mikroskop und Bildschirm. Das Büro ist klein – ein Kellerraum in einer alten Villa in Zehlendorf – die Wände mit Regalen voller Insektenkästen zugestellt. Hier sitzt Berlins Wildbienenexperte und wertet derzeit Tabellen, Literaturdaten und seine eigenen Beobachtungen von den Berliner Wiesen, den Parks, den Naturschutzgebieten und Grünanlagen, den öffentlichen Gärten und Bahngeländen aus. In den Sommermonaten ist er ansonsten meist draußen, auf der Suche nach Wildbienen.

 

Spezialgebiet: Wildbienen

 

Er kennt sie alle, zumindest scheint es so, wenn er von der Herz-Maskenbiene, Dünen-Seidenbiene oder der Kleinen Spiralhornbiene erzählt. Bundesweit sind es derzeit etwa 580 und in Berlin über 300. Doch die reine Anzahl sagt noch nichts darüber aus, wie gut es den Wildbienen hierzulande geht. Einen Hinweis darauf geben die sogenannten Roten Listen und genau die sind es auch, die Saure derzeit zusammenstellt, sowohl für die Wildbienen, als auch für Wespen und Schwebfliegen. Die Wildbienen sind jedoch sein Spezialgebiet und Bienen sind derzeit auch ein Thema, über das in den Medien gerne berichtet wird.

 

Die Imkerei – speziell in den Städten – erlebt einen starken Zulauf, die Politik rühmt sich gerne mit eigenen Bienenvölkern auf den Dächern von Bundestag, von Landesvertretungen und anderen öffentlichen Gebäuden und die Bienen werden als Indikatoren für den Zustand unserer Umwelt angesehen. Doch dabei geht es meist um Honigbienen. „Die haben mittlerweile eine starke Lobby, anders als die Wildbienen“, sagt Saure. Vielleicht sind diese einfach zu klein, leben zu versteckt und die Folgen, die das Verschwindender wilden Bienen haben wird, sind den meisten nicht bewusst. Es geht um Artenvielfalt, um Sicherung der Bestäubungsleistung und um den Erhalt der natürlichen Kreisläufe – eigentlich Begriffe, die immer wieder gerne verwendet werden. Doch selten mit Blick auf die Wildbienen.

 

Verschwinden der Brachflächen bedroht Wildbienen

 

Christoph Saure wird nicht müde darüber zu sprechen, wie wichtig die wilden Schwestern der Honigbiene für unsere Natur sind. Schon seit dreißig Jahren durchkämmt er das grüne Berlin, erstellt Bestandslisten und Gutachten dazu, wie viele und welche Wildbienen auf bestimmten Flächen leben. Geht es dabei um zukünftige Bauflächen, dann bleibt meist nicht viel von dem Lebensraum der Bienen übrig. Die massive Verdichtung der Stadt, der boomende Wohnungsbau, das Schließen der Baulücken und das Verschwinden der Brachflächen sind der stärkste Faktor, der die Wildbienen in Berlin bedroht. Sie finden immer weniger geeignete Nistplätze und Blühflächen als Nahrungsquelle.

 

„Die meisten Wildbienen bauen ihre Nester in der Erde an wenig bewachsenen Stellen, oder auch in trockenen Stängeln oder an Steinhaufen“, sagt Saure. Doch genau davon gibt es immer weniger, denn in Berlin wird aufgeräumt. Scheinbar jedes Fleckchen Erde in der Innenstadt wird gerade genutzt oder steht kurz vor einer Nutzung. Brachliegen war gestern und mit Blick auf die Wildbienen werden auch Zwischennutzungen von Flächen, die dann irgendwann mal bebaut werden sollen, fraglich. Urban-Gardening-Projekte oder Beach-Volleyballfelder, daraufkönnten Wildbienen nach Ansicht von Christoph Saure gerne verzichten, wenn es dafür einfach freie Flächen gäbe, auf denen Wildkräuter wuchern.

 

Lebensraum für Wildbienen braucht Pflege

 

Doch anders als das jetzt klingen mag, brauchen die Wildbienen nicht nur Flächen, an denen keiner Hand anlegt. Berliner Gebiete, in denen sich die wilden Immen noch immer wohlfühlen sind zum Beispiel die Sandheide auf dem Flughafengelände Tegel, der Eiskeller in Spandau oder die Weidelandschaft in Lichterfelde-Süd. Auch sie müssen gehegt und gepflegt werden, damit sie in ihrem für Wildbienen attraktiven Zustand bleiben. Ohne behutsame Mahd oder Beweidung würden die Gebiete schnell verbuschen und Gehölze wie Robinie, Traubenkirsche oder Pappel würden die für Wildbienen wichtigen krautigen Pflanzen verdrängen.

 

Zwar gilt Berlin noch immer als „Wildbienen-Hauptstadt“, denn keine andere Stadt in Deutschland kann mit der Artenvielfalt mithalten. So zählen beispielsweise Hamburg und Köln nur jeweils rund 200 Wildbienenarten. Mit den über 300 Arten erreicht Berlin etwa 54 Prozent der Arten, die in ganz Deutschland gezählt werden – 580 besagen die neuesten Zählungen.

 

Stellte Christoph Saure im Jahr 1991 in Berlin noch 242 Wildbienenarten fest, waren es im Jahr 1997 schon 283, im Jahr 2005 297 Arten und heute 313 Arten. „Die Anzahl steigt, da das Wissen über die Berliner Wildbienen zunimmt und auch Arten neu entdeckt werden, die aufgrund des Klimawandels weiter nach Norden wandern und Berlin erreichen“, sagt Saure ohne Bewertung, ob diese Zuwanderung gut oder negativ für die Natur ist. In der Gesamtbilanz werden außerdem auch die ausgestorbenen Arten noch mitgezählt.

 

Die dritte Rote Liste der Wildbienen für Berlin zeigt einen negativen Trend. Waren es im Jahr 2005 noch 119 Arten auf der Roten Liste und damit 40 Prozent, sind es aktuell mindestens 140 Arten, also 45 Prozent oder sogar mehr.

 

Gefährdete Wildbienen: die Ursachen

 

Saure macht drei hauptsächliche Ursachen aus, die die Wildbienen gefährden: Erstens die Bebauung und Verdichtung der Stadt, die man aus seiner Sicht zwar nicht stoppen kann und auch nicht sollte – Wohnungen würden nun einmal gebraucht. Doch die wichtigsten Flächen für die Wildbienen sollte man dennoch schützen und erhalten – Saure spricht von einem gezielten „Brachflächenmanagement“ und erwähnt die manches Mal übereifrige Zwischennutzungen. Als zweite Ursache nennt er eine Übernutzung und falsche Pflege der grünen Flächen in Berlin. So sollte man in Parks nicht alle Flächen frei zugänglich machen und Grünflächen nicht zu oft und vor allem nicht vor der Blüte mähen, damit das Nahrungsangebot für die Bienen erhalten bleibt.

 

Außerdem sollten Wiesen und Grünstreifen bestenfalls mosaikartig gemäht werden, so dass immer blühende Pflanzen vorhanden sind. „Das erhöht zwar den Aufwand für die Grünflächenämter, aber es bringt enorm viel“, sagt der Wildbienenexperte. Auf den großen Grünflächen am Stadtrand setzen Senat und Bezirke meist auf eine Beweidung – hier stehen Schafe oder Rinder, die die Wiesen kurz halten. Doch eine intensive Beweidung lässt wenig Platz für krautige Pflanzen und auf Dauer verändert sich die Vegetation hin zu Weiden, auf denen nur noch Gras wächst – ohne Blüten und ohne Bienennahrung.

 

Als dritte und letzte Bedrohung spricht Christoph Saure dann noch ein Thema an, mit dem er sich in vielerlei Augen wahrscheinlich unbeliebt macht: die Nahrungskonkurrenz durch die Honigbienen. Denn auch die vielen Bienenvölker, die mittlerweile in der Stadt Nektar sammeln, machen den Wildbienen zu schaffen. So fordert Saure, dass zumindest in den Naturschutzgebieten und – aufgrund der hohen Flugleistung der Honigbienen – auch in einem Umkreis von mindestens drei Kilometern um die Schutzgebiete keine Bienenvölker aufgestellt werden dürften.„Honigbienen und Wildbienen sind eigentlich keine Konkurrenten, aber aktuell kann man nur sagen 'die Masse macht's'“, beklagt er. Neben den mittlerweile über 1.000 Stadtimkern wandern beispielsweise zur Lindenblüte noch zusätzlich Imker von außerhalb nach Berlin ein und stellen hunderte Bienenvölker ins Stadtgebiet. Attraktiv wird das vor allem durch die hohe Pestizidbelastung auf dem Land.

 

Berufsimker ziehen in die Stadt

 

Berlin ist dann eben doch noch eine sehr grüne Stadt, die durch die vielen Stadtbäume viel Nektar für die Honigbienen bereitstellt. Diese nutzen gern Massentrachten wie die Linden- oder die Robinienblüte. Aufgrund der enorm gestiegenen Anzahl der Völker werden aber auch Kräuter und Sträucher intensiv von Honigbienen besammelt. Von der Nahrungskonkurrenz sind besonders die vielen Spezialisten unter den Wildbienen betroffen, die nur eine oder wenige Pflanzenarten als Pollenquellen nutzen. Da dieses Verhalten angeboren ist, können die Wildbienen nicht auf andere Nahrungspflanzen ausweichen.

 

Angewiesen sind die Wildbienen in Berlin mittlerweile also auf einen aktiven Schutz. Darauf wird die neue Rote Liste, die bis Ende des Jahres fertig sein wird, hinweisen. Um möglichst aktuell Bestandsdaten zu bekommen wird Christoph Saure schon wieder unterwegs sein auf Wiesen und in Parks und er wird sie suchen, die wilden Bienen von Berlin. Denn nur wenn klar ist, wie viele und welche Arten es gibt, wo sie noch leben oder aus welchen Gründen sie verschwunden sind, können sie vielleicht noch geschützt werden.

 

Info: Wie die Rote Liste entsteht

Die Rote Liste der Wildbienen ist ein Verzeichnis der ausgestorbenen, verschollenen und gefährdeten Wildbienenarten. Die Gefährdung wird anhand der aktuellen Bestandsgröße (Zählungen und Hochrechnungen) und der Bestandsentwicklung in sowohl langfristigen (anhand von Museums- und Literaturdaten in Bezug auf etwa die vergangenen 100 Jahre) als auch kurzfristigen Trends (mit Blick auf etwa die vergangenen zehn Jahre). Zusätzlich wird ein Ausblick auf die künftige Entwicklung der Art mit einbezogen. Alle Daten werden in einer großen Auswertungstabelle zusammengetragen und dann nach einem bestimmten, vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) vorgegebenen Schema bewertet.

 

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