Bedrohter Lebensraum für Wildbienen

Mit einem Wildbienenexperten durch die Großstadt

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Der Immobilienbau boomt in der Hauptstadt. Immer mehr Brachflächen müssen weichen. Das hat Folgen für die Stadtnatur. Die Artenvielfalt ist bedroht, Wildbienen und andere Insekten finden immer weniger Lebensraum.

 

Grassteppe, dazwischen Büsche, Baumreihen und Schafe. Das ehemalige Flugfeld Johannisthal wirkt wie eine riesige Prärie mitten zwischen Neubaublocks. Unberührbar, denn man kann nicht über die Wiesen gehen, sondern nur auf einem Rundweg darum herum. Zäune und Mauern schützen das Naturschutzgebiet vor ungewollten Eindringlingen. Lange war Christoph Saure nicht mehr hier.

 

Doch jetzt möchte der Tierökologe nachsehen, was sich auf den Sand- und Magerrasenflächen noch so tummelt. Nicht nur das abgezäunte Gelände ist für ihn interessant, sondern auch die Blühflächen ringsherum, auf denen Salbei und andere Wildkräuter, einzelne Ochsenzungen und Wicken wachsen. Er holt einen Kescher hervor und wedelt damit in schnellen Bewegungen durchs Gras. Noch vor zehn Jahren hat er hier im Naturschutzgebiet in den angrenzenden Pufferzonen über 180 verschiedene Wildbienenarten gezählt, darunter viele seltene Arten. Jetzt ist er enttäuscht, nur wenig fliegt und krabbelt über die vereinzelten Blüten.

 

Wildbienen spielen nur eine Nebenrolle“

 

Zwischen 1991 und 2006 hat Christoph Saure die Flächen jedes Jahr besucht und Gutachten erstellt, die die Artenvielfalt an Wildbienen und Stechimmen belegt haben. Damals waren hier noch rund 130 Hektar unbebaut. 26 Hektar wurden als Naturschutzgebiet festgelegt – nicht nur wegen der Vielzahl an Insekten, sondern auch wegen der artenreichen Vogelwelt. „Leider spielen die Wildbienen in der Bau- und Landschaftsplanung nur eine Nebenrolle, aber immerhin werden sie nicht ganz vergessen“, sagt Saure. Er hat sich auf die wilden Vertreter der Honigbiene spezialisiert und arbeitet als freiberuflicher Tierökologe unter anderem für die Berliner Senatsverwaltung.

 

Viele Flächen in Berlin hat er schon untersucht und auch immer wieder bundesweit sehr seltene Wildbienenarten entdeckt. Zu seinen Lieblingsorten zählen der alte Truppenübungsplatz in Lichterfelde, das Schöneberger Südgelände und das Fort Hahneberg in Spandau, denn hier gibt es noch viele bemerkenswerte Wildbienen – so wie einst in Johannisthal. Vor zwei Jahren hat Saure den Görlitzer Park untersucht und sich gefreut hier immerhin rund 50 verschiedene Arten zu finden.

 

„Das hätte ich nicht erwartet“, sagt der 55-Jährige, der zugibt, dass die Möglichkeiten in innerstädtischen Parks begrenzt sind, neue oder bessere Habitate für die Wildbienen zu schaffen. Denn Wildbienen mögen es wirklich wild und nicht unbedingt so, wie der Mensch sich den Lebensraum vorstellt. Freistehende, abgestorbene Bäume oder teils bewachsene Sandberge sind ihnen lieber als die meisten der angelegten Insektenhotels oder Dachgärten.

 

Überall wird gebaut

 

Auf den ersten Blick sieht das Naturschutzgebiet in Treptow-Köpenick für Saure enttäuschend aus, denn eine Grassteppe hat Wildkräuter und Pflanzen, die auf die Bestäubung von speziellen Wildbienen angewiesen sind, verdrängt. Die Schafe haben die Flächen des Naturschutzgebiets radikal bearbeitet. Sie verhindern zwar, dass die Flächen verbuschen, aber statt krautiger Pflanzen wachsen Gräser. Auf einigen Randflächen stehen Schilder von Baufirmen. Der Campus Adlershof wächst und bewegt sich auf das Naturschutzgebiet zu. Wie fast überall in der Stadt wird hier gebaut was das Zeug hält und die Brachflächen verschwinden. Christoph Saure sieht zwar den steigenden Bedarf an Wohnraum in der Stadt, lehnt es aber ab, dass die ökologisch wertvollen Brachen alle zugebaut werden. Dadurch verschwinden nicht nur wichtige Hauptlebensräume für Wildbienen, sondern auch Verbindungs- und Wanderungskorridore.

 

Neben den schwindenden Brachflächen gibt es besonders in der Berliner Innenstadt noch weitere Probleme für Wildbienen, Schwebfliegen und anderen Blüten besuchenden Insekten – und das, obwohl Berlin im Vergleich zum Umland als Refugium für Insekten gilt, die in der intensivierten Landwirtschaft oft keine Chancen mehr haben, weil sie zu wenig Nahrung finden und Belastungen durch Pestizide ausgesetzt sind. Dies gilt auch für die steigende Zahl an Honigbienenvölkern, die in der Hauptstadt gehalten werden.

 

Keine Möglichkeit zum Blühen“

 

Parks, Grünstreifen und andere öffentlichen Flächen könnten Insekten noch viel mehr Lebensraum und Nahrung bieten, wenn sie bienenfreundlicher bepflanzt wären und nach der Blüte gemäht würden. Trachtpflanzen – also Bäume, wie Ahorn, Linden, und Robinien und Sträucher, wie Wildplaumen und Weißdorn, die den Insekten und Bienen Nahrung bieten, sollten häufiger berücksichtigt werden, regt das „Netzwerk Blühendes Berlin“ an. Ebenso sollten Straßenbegleitgrün und Mittelstreifen später und nicht so häufig gemäht werden. „Den Pflanzen wird oft gar keine Möglichkeit gelassen zu blühen, so radikal wird gemäht“, sagt Rainer Kaufmann. Der Co-Initiator der Berliner Regionalgruppe würde sich wünschen, dass in den Grünflächenämtern auch stärkeres Bewusstsein für die Insekten entsteht und die Bedeutung der Städte als Rückzugsraum für diese.

 

Doch wenn es um Blühflächen und den richtigen Zeitpunkt des Mähens geht, müssen in einer so großen und bevölkerungsreichen Stadt wie Berlin viele – auch gegensätzliche – Interessen unter einen Hut gebracht werden. „Die Grünflächen in der Stadt sind in erster Linie für die Menschen da und die wollen auf Rasenflächen sitzen und keine nassen Hosen bekommen, wenn es regnet und lange Gräserrispen und Ranken von Sträuchern auf die Wege ragen. Wenn die Pflanzen auf den Mittelsteifen der Straßen zu hoch wachsen, kann es gefährlich für die Autofahrer werden und die Verkehrssicherheit gefährden“, sagt Klaus Brockmann. Auf insektenfreundliche Blühzeiten könne hier nur abseits der Straßenränder geachtet werden.

 

Brockmann ist Fachbereichsleiter der Unteren Naturschutzbehörde in Marzahn-Hellersdorf und kennt den Spagat zwischen den Forderungen beider Seiten. Denn er ist auch Stadtimker und kümmert sich in einer Kleingartenanlage in Charlottenburg um mehrere Bienenvölker. Als problematisch empfindet er vor allem die knappe personelle Ausstattung der Bezirke und speziell der Grünflächenämter. Sowohl die insektenfreundliche Pflege als auch die intensive Wiesenmahd bedeutet einen hohen personellen und finanziellen Einsatz.

 

Die Konsequenz: Es muss dann gemäht werden, wenn es die Zeit zulässt und auf eine besonders gute Bienenweide zu achten, würde eine bessere Aufklärung insbesondere in der Öffentlichkeit voraussetzen, die sich kaum einer leisten kann. Aber wenn eine Grünanlage ganz neu geplant wird, werde durchaus darüber diskutiert, welche Sträucher ausgewählt werden und wo man Flächen anlegt, auf denen nicht nur Rasen wächst. „Die Insektenfreundlichkeit ist aber nicht immer ausschlaggebend bei der Bepflanzung. An besonders attraktiven Orten wird auch schon einmal ein Baum ausgewählt, der einfach nur schön ist. Bei anderer Gelegenheit nehmen wir die Vögel oder die Amphibien mehr in den Fokus“, sagt Brockmann, der Berlin trotz des aktuellen Baubooms für ein Paradies für Honigbienen hält.

 

Straßenbäume haben es schwer“

 

Vor allem die Bäume an den Straßenrändern liefern viel Nektar. Die vielen Lindenbäume wurden laut Brockmann vor einigen Jahrzehnten auf Druck von Imkern angepflanzt, die in engem Kontakt mit den Straßenbaubehörden standen. „Heute haben es Straßenbäume schwer. Sie müssen salztolerant, hundekotunempflindlich und trockenheitsresistent sein. Sie sollen keine Früchte fallen lassen oder klebrigen Nektar und insektenfreundlich sein. Aber den Wunderbaum gibt es nicht“, erklärt er. Auch hier müsse man nach Standort und verschiedenen Interessen abwägen. Statt ein paar hundert Jahre erreiche eine Linde oder eine Eiche am Berliner Straßenrand nur etwa 50 Jahre.

 

Die Wildkräuter auf dem ehemaligen Flugfeld Johannisthal haben nur eine viel kürzere Zeit überlebt. Sie wurden an vielen Stellen von Gräsern verdrängt. Doch in ein paar Ecken wachsen sie noch und genau dort versucht es Christoph Saure nochmals. Er wedelt mit seinem Kescher und schafft es tatsächlich noch eine kleine Sandbiene und eine seltene Pelzbiene zu fangen. Saure ist sich sicher, dass er später im Jahr auch noch ein paar mehr finden würde. Seine Bilanz fällt trotzdem bitter aus. Und das wird sie auch für ganz Berlin, wenn er in diesem Jahr die aktuelle rote Liste mit den bedrohten Wildbienenarten veröffentlicht. „Es werden einige Arten mehr darauf landen“, sagt der Wildbienenexperte, der vom Bienenparadies Berlin nicht so recht etwas wissen will. Die zunehmende Zahl der Honigbienenvölker in der Stadt wird nämlich auch zum Konkurrenzproblem um Nahrung und Lebensraum für die wilden Immen – gerade dann wenn Brachflächen verschwinden.

 

Weitere Infos:

 

Wildbienen

Deutschlandweit gibt es etwa 560 Wildbienenarten. Rund 300 sind es in Berlin. Anders als Honigbienen leben Wildbienen als Einzelgänger oder nur in kleinen Völkern. 75 Prozent der Nester bauenden Wildbienenarten nisten im Boden, der Rest sucht sich Pflanzenstängel, Gänge von anderen Insekten in altem Holz, leere Schneckengehäuse oder anderes. Die kleinsten heimischen Wildbienen sind nur drei Millimeter groß, andere Arten haben eine Größe von bis zu 2,5 Zentimetern. Bienen sind die wichtigsten Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen.

 

Flächenverbrauch

Der Flächenverbrauch in Deutschland liegt immer noch auf hohem Niveau, obwohl sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt hat, ihn zu senken. Täglich werden rund 73 Hektar als Siedlungs- und Verkehrsflächen neu ausgewiesen. Bis 2020 will der Bund den Zubau eigentlich auf 30 Hektar pro Tag begrenzen, doch von diesem Ziel ist sie weit entfernt. Das belegt auch der kürzlich erschienene „Bodenatlas“, erstellt unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung.

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