Freilandverbot für Neonicotinoide: Das sollten Imker wissen

Die EU hat die drei bienengefährlichen Neonicotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam im Freiland verboten. Aber wo werden sie eigentlich eingesetzt und ab wann dürfen Landwirte sie nicht mehr nutzen? Wie viele Bienen wurden im letzten Jahr damit „vergiftet“? Und wie gefährlich sind die Alternativen?

 

Geschrieben von Jana Tashina Wörrle

 

Die Mitgliedsstaaten der EU haben Ende April 2018 das Freilandverbot der drei Neonicotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam beschlossen. Im Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel haben sie dem Vorschlag der Europäischen Kommission zugestimmt, die Verwendung der drei als bienengefährlich eingestuften Stoffe im Pflanzenschutz weiter einzuschränken. Pflanzenschutzmittel mit diesen Wirkstoffen dürfen nun nur noch in festen Gewächshäusern oder zur Behandlung von Saatgut für Kulturpflanzen verwendet werden, die über die gesamte Kulturdauer im Gewächshaus verbleiben. Im Freiland sind sie tabu.

 

Diese Entscheidung hat für großen Jubel in der Imkerszene gesorgt, denn die Schädlichkeit der Neonicotinoide für Bienen ist schon lange ein wichtiges Thema für Imker. Doch was bedeutet die Entscheidung nun wirklich für die Praxis?

 

Es gelten Abverkaufs- und Aufbrauchfristen für die verbotenen Neonicotinoide

 

Seitdem die Entscheidung über das Freilandverbot öffentlich ist, ist auch die Aufbrauchfrist von drei Monaten im Gespräch, in denen das Anwendungsverbot nicht wirksam ist. Danach dürfen keine Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln im Freiland mehr erfolgen, die die drei Neonicotinoide enthalten. Die Durchführungsverordnungen der EU besagen, dass bestehende Zulassungen bis zum 19. September 2018 beendet bzw. auf Gewächshausanwendungen beschränkt werden müssen. Doch die EU erlaubt anschließend Abverkaufs- und Aufbrauchfristen bis zum 19. Dezember 2018. Das teilt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auf Anfrage mit. Welche Mengen derzeit im Handel und bei den Anwendern sind, kann die Behörde allerdings nicht sagen. Eine BVL-Sprecherin äußert jedoch die Vermutung, dass Handel und Anwender vorsichtig disponiert hätten, da es sich ja schon seit einiger Zeit abzeichne, dass es zu diesen Beschränkungen kommen würde.

 

Aktuell sind in Deutschland 14 Pflanzenschutzmittel mit Clothianidin, Imidacloprid oder Thiamethoxam zugelassen. Zehn Mittel sind ausschließlich zur Anwendung im Freiland vorgesehen, vier Mittel haben auch Zulassungen für Gewächshäuser. Von den 14 noch zugelassenen Mitteln werden laut BVL neun zur Behandlung von Zuckerrüben- und Futterrübensaatgut verwendet. Zudem sind Spritz- oder Gießanwendungen in verschiedenen Kulturen zugelassen. Da die Mittel als bienengefährlich eingestuft sind, dürfen sie nicht auf blühende oder von Bienen beflogene Pflanzen ausgebracht werden.

 

EFSA bestätigt Bienengefährlichkeit

 

Die Bienengefährlichkeit wurde im März 2018 durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) offiziell bestätigt. Die EFSA hatte dazu Rückstände in Blütenpollen und Nektar, in Staubdrift während der Aussaat und der Ausbringung von behandeltem Saatgut sowie die Wasseraufnahme bewertet. In ihrer neuen Risikoeinschätzung zu den Wirkstoffen Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam kommt die EFSA zu dem Urteil, dass die drei Neonicotinoide ein Risiko für Honig- und Wildbienen darstellen. Subletale Mengen von Neonicotinoiden können den Orientierungssinn der Bienen beeinflussen und das Immunsystem schwächen. Die EFSA hatte damit die fachliche Grundlage für das nun beschlossene Freilandverbot geschaffen.

 

Da die Gefahren für Bienen in der Wissenschaft schon lange ein Thema sind, hat die EU schon im Jahr 2013 Einschränkungen für die Anwendung der drei Neonicotinoide in Kraft gesetzt und 2015 die EFSA mit der wissenschaftlichen Neubewertung beauftragt. Die Einschränkungen betrafen damals vorrangig den Rapsanbau und werden mit der neuen Entscheidung bestehen bleiben bzw. ausgeweitet. Seit dem 1. Oktober 2013 bekommen Mittel, die die drei Neonicotinoide enthalten zur Saatgutbehandlung von Raps keine Zulassungen mehr. Gleiches gilt für Mittel des Haus- und Kleingartenbereichs. Zudem gilt ein Verbot von Spitzmitteln, die die drei Neonicotinoide enthalten. Sie dürfen nicht auf blühende oder von Bienen beflogene Pflanzen ausgebracht werden.

 

Das neue Freilandverbot gilt nach Angaben des Julius Kühn-Instituts (JKI) vor allem für Spritzanwendungen im Anbau von Kartoffeln, Obst, Wein und Hopfen sowie im Gemüse- und Zierpflanzenanbau. Betroffen seien zudem auch Pflanzgutbehandlungen in Kartoffeln und die Saatgutbehandlung in Zuckerrüben. Zwar sind nicht alle diese Kulturen für Bienen vorrangig attraktiv als Nahrungsquellen, dennoch dürfen auch hier keine bienengefährlichen Stoffe ausgebracht werden, wenn sich blühende Pflanzen am Feldrand bzw. der Umgebung befinden. Dies ist in der Bienenschutzverordnung geregelt.

 

Gefahren für Bienen durch Insektizide: der Kontakt ist entscheidend

 

Das zum Bundeslandwirtschaftsministerium gehörende JKI bewertet das Freilandverbot für den Kartoffelanbau in Deutschland als „momentan zu verschmerzen“, doch stark betroffen sei der Zuckerrübenanbau, da nach derzeitigem Stand fast sämtliche insektizide Mittel zur Saatgutbehandlung wegfallen werden. Alternativen sind also nötig, doch die Panikmache – unter anderem von Seiten der Imker – dass nun noch gefährlichere Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden könnten, die noch wenig erforscht sind, will das JKI nicht bestätigen.

 

„Es liegt in der Natur der Sache, dass Insektizide gegen Insekten wie z. B. Blattläuse oder blattfressende Käfer wirken sollen. Daher bergen sie auch ein potenzielles Risiko für Honigbienen und andere Bestäuber, wenn diese mit dem Insektizid in Kontakt kommen“, sagt dazu Dr. Gerlinde Nachtigall, die Pressesprecherin des JKI. Sie fügt jedoch hinzu, dass es genau aus diesem Grund zahlreiche Anwendungsbestimmungen für Landwirte und Obstbauern (Auflagen zum Bienenschutz gemäß Bienenschutzverordnung) gibt, um Risiken für Bestäuber zu vermeiden bzw. zu minimieren. Die Mehrzahl der Insektizide ist als bienengefährlich eingestuft und darf nicht auf blühende oder von Bienen beflogene Pflanzen ausgebracht werden. Jeder zugelassene Wirkstoff werde im Rahmen der EU-Wirkstoffprüfung intensiv untersucht und zahlreiche Insektizide seien aufgrund bienenschädlicher oder anderer umweltschädlicher Eigenschaften in Deutschland nicht zugelassen.

 

Alle aktuell zugelassenen Insektizide können jederzeit in einer Datenbank des BVL recherchiert werden. Dazu gehören Mittel mit nicht-neonicotinoiden Wirkstoffen, wie z. B. Pyrethroide. Mittel aus der Wirkstoffgruppe der Pyrethrine oder fermentierte Bodenbakterien dürfen auch im ökologischen Anbau eingesetzt werden. Allerdings gibt es auch hier bienengefährliche Wirkstoffe und es gelten die gleichen Bienenschutzauflagen.

 

Die sachgerechte Anwendung ist wichtig

 

Ein Pflanzenschutzmittel, bei dem der Schutz der Bienen bei sachgerechter Anwendung nicht gewährleistet werden kann, ist nicht zulassungswürdig. Doch für alle Anwendungen gelte, die Dosis macht das Gift: Das Risiko für Bienen unterscheidet sich nicht nur nach dem Wirkstoff und der Wirkstoffmenge, sondern auch nach Anwendungsweise und Kultur, also der Frage, ob es sich um eine Trachtpflanze handelt oder nicht, und ob und wenn ja, in welchem Umfang Bienen mit dem Wirkstoff potentiell in Kontakt kommen können. „Bei der Zulassung wird immer darauf geachtet, dass Bestäuber weder mit tödlichen Dosen in Kontakt kommen noch ständig subletalen Mengen ausgesetzt sind“, erklärt die JKI-Mitarbeiterin.

 

Die Hauptursache für Verluste an Honigbienen ist dem Deutschen Bienenmonitoring zufolge nicht bei den Pflanzenschutzmitteln zu suchen, sondern bei der in den 1970er Jahren nach Deutschland eingeschleppten Varroamilbe, an der jedes Jahr tausende Bienenvölker eingehen. Darüber hinaus gelten das Verschwinden von immer mehr Brachflächen und Wiesen, die früher Rückzugsräume für Insekten waren und ihnen Nahrung geboten haben, das Totspritzen von Weg- und Feldrändern, fehlende Hecken und das häufigere Mähen von Wiesen als Gründe.

 

Die Zahlen des Deutschen Imkerbundes weisen zudem auf die steigende Zahl der Bienenvölker hin. So betreuten alleine in Deutschland im Jahr 2017 die Imker insgesamt etwa 870.000 Bienenvölker. Weltweit hat sich nach einer OECD Studie die Zahl der Bienenvölker seit 1950 sogar verdoppelt. „Am JKI gehen im Jahr durchschnittlich gut 100 Untersuchungsfälle ein, bei denen vermutet wird, dass Fehlanwendungen von Pflanzenschutzmitteln oder nichtlandwirtschaftliche Biozide die Ursache sind. Dieser Verdacht bewahrheitet sich jedoch nur bei einem Teil der Fälle“, sagt sie.

 

Gefährliche Kombinationen von Fungiziden und Insektiziden

 

So zeigen die Zahlen aus dem Jahr 2017, dass bei der Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen des JKI 116 Bienenschadensfälle mit 1056 geschädigten Völkern von 129 betroffenen Imkern aus dem gesamten Bundesgebiet gemeldet wurden. Hier wurde eine Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel als Schadensursache vermutet. Für eine Analyse und zur Klärung der Schadensursache wurden von den betroffenen Imkern und den beteiligten Institutionen 139 Bienenproben, 52 Pflanzenproben und 18 Proben mit Waben und anderen Materialien wie Erde oder Bienenkot eingesandt. Davon konnten die Wissenschaftler zwar nicht alle Proben auswerten, doch bei den Bienenproben wurden in 15 Schadensfällen für Bienen giftige Wirkstoffe nachgewiesen. In 12 dieser Schadensfälle handelte es sich um Insektizide aus bienengefährlichen Pflanzenschutzmitteln mit der Einstufung B1 und B2 oder um Insektizide aus nicht bienengefährlichen Pflanzenschutzmitteln mit der Einstufung B4, die unzulässigerweise in Kombination mit anderen Fungiziden und Insektiziden oder in überhöhter Menge während des Bienenfluges in die Blüte ausgebracht wurden.

 

Das JKI teilt mit, dass die Zahl der gemeldeten Schäden 2017 unter dem Niveau des Vorjahres lag und davon lediglich 21 Prozent der eingesandten Fälle Bienenvergiftungen durch Pflanzenschutzmittel waren.

 

INFO: Pflanzenschutzmitteln werden laut Gesetz in vier Kategorien eingestuft

B1 = bienengefährlich

B2 = bienengefährlich, außer bei der Anwendung nach dem Ende des täglichen Bienenfluges in dem zu behandelnden Bestand bis 23.00 Uhr

B3 = aufgrund der durch die Zulassung festgelegten Anwendung des Mittels werden Bienen nicht gefährdet

B4 = nicht bienengefährlich 

 

 

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